Rezension zum Klassenzimmerstück/Gastspiel.....                                                                              .                                                                                                
 
“Im Frühling hat man keine Lust zu sterben! – Abschiedsbriefe von Frauen aus der Todeszelle (1943-45)“
Der ,,Rote Ochse" in Halle (Saale) ist wohl den meisten Hallensern ein Begriff. Dass dort jedoch in der NS-Zeit viele Menschen hingerichtet wurden, ist vielen
unbekannt. Um das Schicksal dreier Frauen, die dort hingerichtet wurden, und die Grausamkeit, die dahintersteckt, dreht sich das dokumentarische Theater-
stück „...im Frühling hat man keine Lust zu sterben! - Abschiedsbriefe von Frauen aus der Todeszelle (1943 - 45)“, das in Schulen für Klassen ab der neunten
Jahrgangsstufe aufgeführt wird. Es basiert auf einer wahren Geschichte und baut auf historischen Dokumenten auf. Das Stück ist eine szenische Lesung, also
eine Vorlesung der historischen Dokumente gepaart mit Theaterschauspiel, gespielt von Figurenspielerin Julia Raab. Es wurde von ihr und Sandra Bringer, die
Regie führte, 2018 entwickelt, um Schülern und Schülerinnen die Geschichte der Justiz im Nationalsozialismus näherzubringen.
Das Theaterstück beginnt mit einer Finte für das Publikum. Sandra Springer verkündet, dass die Schauspielerin krank sei und deshalb ein Alternativprogramm
durchgeführt werde. Sie wird nach ein paar Minuten jedoch durch ein Türklopfen unterbrochen. Eine Frau kommt mit einem Koffer herein und stellt sich als neue
Lehrerin namens Müller-Meier an der Schule vor. Sie sei auf der Suche nach dem Besitzer eines Koffers, den sie im Schulhaus gefunden hätte. Als sie den Koffer
öffnet, beginnt die Kernhandlung. Im Koffer befinden sich Requisiten, die zur Veranschaulichung des Geschehens genutzt werden. Während des Stücks wird aus-
schließlich mit Auszügen aus Primärquellen gearbeitet, die von Müller-Meier abwechslungsreich mit verschiedenen schauspielerischen Einlagen szenisch gelesen
bzw. vorgetragen werden.
Zuerst wird die aktuelle Situation in der die Handlung anhand von Auszügen aus nationalsozialistischen Texten und von den Nazis erlassenen Gesetzestexten ge-
schildert. Sie zeigen, dass es für die NS-Sondergerichte in der Kriegszeit auch möglich war, kleinere Vergehen mit dem Tode zu bestrafen. So kam es dazu, dass
viele Menschen wegen niederer Vergehen, wie mehrfachen Diebstahls, unabhängig von ihrem teilweise verständlichen Motiv, zum Tode verurteilt wurden. Drei
dieser Fälle werden anschließend beispielhaft anhand von Schriftauszügen von Briefen an die Verurteilten, Texten der Verurteilten selbst, die sie unmittelbar vor
ihren Hinrichtungen schrieben und Auszügen aus Berichten und Protokollen der NS-Justiz zu den Gerichtsverfahren dargelegt.
Es handelt sich um drei Frauen: Johanna Lehmann, Krystyna Wituska und Hildegard Nagel. Lehmann wird im Stück nur erwähnt und nicht zitiert, jedoch wird ein
Brief ihres Vaters gelesen, indem er ihr gnadenlos seine Enttäuschung ausspricht. Krystyna Wituska war eine polnische Widerstandskämpferin. Auszüge aus
Schriften und Briefen an ihre Eltern, die sie nur wenige Stunden vor ihrer Hinrichtung unter Zeitdruck anfertigte, sind Bestandteil der Handlung. Sie spricht ihren
Eltern ihre Dankbarkeit und Liebe aus. Hildegard Nagel verfasste in ihren letzten Stunden einen Wunsch an Herrn W., der ihre Kinder in Ruhe lassen solle. Sogar
ein Auszug eines Textes, der das Interesse Dritter an diesen Hinrichtungen verdeutlicht, ist Teil der Handlung. Das Stück endet damit, dass alle drei Frauen ster-
ben.
Die Handlung ist glaubwürdig und kohärent strukturiert. Es wurden prägnante Auszüge gewählt, die das ausdrücken, was wichtig zum Verstehen der Ereignisse
ist. Es wird die Grausamkeit und Unmenschlichkeit hinter den Sondergerichtsurteilen und die verzwickte surreale Lage der Frauen durch den Handlungsablauf und
den Inhalt der vorgetragenen Auszüge deutlich.
Die Inhalte decken die zeitlichen Gegebenheiten der Handlung ab. Man kann das Geschehen eindeutig in die Zeit der Herrschaft des NS-Regimes und in die des
Zweiten Weltkriegs einordnen. Es werden oft Jahreszahlen genannt, sodass der Zuschauer die Informationen, wie zum Beispiel die erlassenen Gesetze, in das
historische Geschehen einordnen kann.
Ein Problem damit, dass der Inhalt unauthentisch sein könnte, hat das Stück nicht, da ausschließlich originale, persönlich geschriebene Texte der Personen, die
in der Handlung vorkommen, als Sprachinhalte verwendet wurden. Die Reihenfolge dieser Primärquellen ist außerdem so gewählt, dass keine Widersprüche auf-
treten und so ein kohärenter Ablauf der Handlung gewährleistet ist, auch wenn es manchmal etwas schwierig ist auf Anhieb die szenisch vorgetragenen Text-
auszüge genau zuzuordnen.
Die präsentierten Szenen wurden so gewählt, dass die Handlung des Geschehens verständlich und nachvollziehbar ist. Am Anfang des Stücks wird die aktuelle
Lage in Nazideutschland u.a. durch Gesetzestextzitate erläutert, sodass der Zuschauer erkennen kann, weshalb die Frauen für ihre verhältnismäßig geringen
Vergehen zum Tode verurteilt werden. Das macht den Zuschauern die schicksalhafte Lage der verurteilten Frauen bewusst, sodass sich diese besser in sie
hineinversetzen können.
In darstellerischer Hinsicht ist das Werk gelungen. Es werden verschiedene Stilmittel in Form von Requisiten und schauspielerischen Einlagen eingesetzt. Auf-
grund der Raumlimitierung und dem Überraschungseffekt der Finte am Anfang müssen alle Requisiten in den Koffer passen. Jedes findet Verwendung, um entwe-
der das Schauspiel zu unterstützen, wie zum Beispiel eine Brille, die Müller-Meier u.a. symbolisch in einen Nazi, der vom Krieg schwärmt, verwandelt oder stellen
Metaphern dar. So gibt es beispielsweise eine Szene, in der eine Schabe am Koffer entlang krabbelt, was verdeutlicht, wie die Verurteilten von der damaligen
Justiz wahrgenommen wurden, als „Volksschädlinge“. Sie wurden verachtet, wie Schädlinge.
Die sprachliche sowie szenische Gestaltung im Schauspiel von Juli Raab ist famos gewählt. Die Gefühlslage der Frauen und die Kälte und Stumpfheit der Justiz-
beamten, die den Frauen ihr Urteil verlesen, kommen dadurch im Zusammenspiel mit Raabs großartigem Schauspiel gut zum Vorschein. Die Inhalte sind akustisch
sowie größtenteils inhaltlich gut zu verstehen, sodass es auch Neuntklässlern gelingen müsste, der Handlung zu folgen. Zwar gibt es einige Passage, in denen
es schwer ist, den konkreten Inhalt in seiner ganzen Fülle zu erfassen, jedoch kommt das Wesentliche am Ende immer beim Zuhörer an, sodass dieser immer in
der Lage dazu ist, die Handlung zu verstehen. So sind zum Beispiel manche vorgetragenen Szenen, deren Inhalte propagandistisch bzw. nationalsozialistisch-
ideologisch sind, teilweise zu kompliziert, um sie gänzlich auf Anhieb vollständig verarbeiten zu können. Dies ist aber auch nicht erforderlich, um der Handlung zu
folgen, weil die Kernaussagen dieser Szenen verständlich sind.
Die szenische Umsetzung des Theaterstücks ist aufgrund der Lokalität des Klassenzimmers sehr limitiert. Die Verwendung aufwendiger Bühnenbilder, mehrerer
Darsteller oder besonders ausgefallener aufwendiger Requisiten und Kostüme ist deshalb nicht möglich, aber auch nicht nötig. Sandra Springer gelingt es, ge-
rade durch die Konzentration auf das Wesentliche, die Botschaft des Werkes deutlich zu machen. Es wird mit verschiedenen Requisiten, wie zum Beispiel mit
Pappaufstellern angedeutet, welche Figur von Müller-Meier im Moment gesprochen wird. In Verbindung mit ihrem variablen Schauspiel sorgt das dafür, dass es
kaum auffällt, dass das Stück nur von einer Schauspielerin vorgetragen wird.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass das Theaterstück eine glaubwürdige, historisch belegte, authentische, nachvollziehbare und adressatenbezogene in-
haltliche Gestaltung aufweist. Außerdem ist es gelungen, dem Stück trotz der Klassenzimmerlokalität Theatercharakter zu verleihen, indem Requisiten und
Schauspiel in Verbindung mit dem Inhalt zusammenpassend und aussagekräftig arrangiert wurden. Besonders hervor zu heben ist dabei, dass es auch mit nur
einer Schauspielerin gelingt, über die ganze Vorstellung hinweg die Spannung und Aufmerksamkeit im Publikum aufrecht zu erhalten. Die intelligente kleine Finte
vor Beginn der eigentlichen Vorstellung trägt maßgeblich dazu bei. Vom Gesamteindruck her ist das Stück eine abwechslungsreiche Alternative zum Schulalltag.
Es bringt Schülern die Kunst des Theaters auf direkte Art und Weise auch im Schulgebäude näher und informiert über die grausamen Missstände des Justiz-
systems in der NS-Zeit. Es eignet sich dafür, in den Geschichts- oder Deutschunterricht im Rahmen einer Doppelstunde eingebunden zu werden. Das Thema,
das dem Stück zu Grunde liegt, ist keine leichte Kost, sollte aber Teil der Bildung eines aufgeklärten Menschen sein. Somit ist das Stück nicht nur anspruchs-
volle Unterhaltung, sondern erfüllt auch einen wichtigen Bildungsauftrag. Es schafft dabei, anders als andere Medien, die sich mit diesem Thema befassen,
nicht belehrend zu wirken, sondern Spannung zu erzeugen und den Zuschauer so aufmerksam auf das Stück und dieses wichtige Thema zu machen.
Die dargelegten Gründe sorgen dafür, dass das Gastspiel „...im Frühling hat man keine Lust zu sterben! -Abschiedsbriefe von Frauen aus der Todeszelle
(1943 - 45)“ nicht nur für Schulen und deren Schüler als Unterrichtsergänzung bzw.- alternative empfehlenswert ist, sondern auch für alle anderen Theater-
oder Geschichtsinteressierten.

Benjamin Kies 12G3